| Boschareal
Stuttgart
Umnutzung eines traditionsreichen
Industrieensembles
Das 1,4 ha große, aus acht Gebäuden
bestehende „Bosch-Areal“ ist ein traditionsreiches
ehemaliges Industriegelände an der Schnittstelle
zwischen Stadtmitte und Stuttgarter Westen. In unmittelbarer
Nähe befindet sich der Campus der Universität
und das Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle. Ab dem
Jahre 1900 erwarb Robert Bosch nach und nach den gesamten
Block und ließ in einzelnen Bauabschnitten bis 1913
die bestehenden Wohnhäuser durch Fabrikationsgebäude
ersetzen. Sie wurden als Skelettbauten mit weit gespannten
Rippendecken errichtet und gelten als die ersten Konstruktionen
in Eisenbetonbauweise in Stuttgart. Durch die schrittweise,
räumlich nicht zusammenhängende Bebauung entstand
eine Struktur mit schmalen Gassen und Innenhöfen,
die ein wenig an historische Stadtgrundrisse erinnert.
Im Jahre 1964 gab das Unternehmen
Bosch seinen Stammsitz in der Stuttgarter Innenstadt auf
und veräußerte ihn an das Land Baden-Württemberg.
Bis Anfang der 90er Jahre wurde das Ensemble als Außenstelle
der benachbarten Universität und als Standort für
Landesbehörden genutzt. Aufgrund der flexiblen Skelettkonstruktion
waren bei den verschiedenen Nutzungsänderungen kaum
Eingriffe in die Gebäudesubstanz notwendig. Nach
dem Auszug der Behörden waren verschiedene Pläne
zum Abriss des gesamten Ensembles und zur Neubebauung
des Areals mit einem Büroturm vorhanden.
Durch das Eingreifen der Stadt und
das Engagement der "Interessengemeinschaft Bosch-Areal"
gelang es, den Abriss zu verhindern und auf den Kurs der
Umnutzung umzuschwenken. Zudem stellten die Denkmalbehörden
das Ensemble unter Denkmalschutz. Aufgrund dieser Rahmenbedingungen
sowie der intakten Bausubstanz und der nutzungsneutralen
und flexiblen Grundrisstypologie konnte der gesamte Gebäudebestand
erhalten und das Bosch-Areal einer neuen, gemischten Nutzung
zugeführt werden. Ein weiteres gewichtiges Argument
für den Erhalt war die Tatsache, dass die bestehende
hohe städtebauliche Dichte und damit auch die vorhandene
Geschossfläche bei einer Neubebauung aufgrund der
gültigen Baugesetzgebung nicht wieder hätten
erreicht werden können.
Über fast ein ganzes Jahrhundert
bildete das Gelände eine für die Öffentlichkeit
unzugängliche Struktur und damit eine Barriere zwischen
Innen- und Weststadt. Nun ergab sich die Chance, den Innenbereich
zu öffnen und mit dem umgebenen Stadtkörper
zu verknüpfen. Entscheidend für eine Belebung
des Bosch-Areals war die Ansiedlung möglichst unterschiedlicher
Nutzungen in den Gebäuden. Neben Läden, Lokalen,
Büros und Wohnungen sprechen Großkino, Fitnessclub,
Diskothek und Literaturhaus ein breites Spektrum an Besuchern
zu verschiedenen Tageszeiten an. Die teilweise Überdachung
der Innenhöfe mit einer Stahl-Glas-Konstruktion ermöglicht
deren Nutzung auch in der Übergangszeit.
Aufgrund eines knappen Finanzrahmens
für den Umbau blieben weit mehr historische Bauteile
erhalten, als dies vom Denkmalschutz gefordert wurde.
Die daraus entstandene Industrieästhetik wirkt daher
nicht aufgesetzt und wird der Geschichte des Gebäudeensembles
besser gerecht, als eine umfassendere Sanierung. Die Ergänzung
durch den Neubau des Großkinos und die nach dem
Netzkuppelprinzip gewölbten, transparenten Dächer
über den Innenhöfen bildet einen Kontrast zu
den Bestandsgebäuden. Das Bosch-Areal, dessen Zukunft
über viele Jahre hinweg ungewiss war, ist inzwischen
als belebter Ort mit Identität und Vergangenheit
wieder ein Teil der Stadt geworden.
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