| Weststadt
Esslingen
Ein Industriequartier im Umbruch
Die Stadterweiterung „Weststadt“
entstand im 19. Jahrhundert als erstes zusammenhängendes
Industriegebiet der Stadt Esslingen. Nach dem Anschluss
Esslingens an die Bahnlinie Stuttgart-Ulm im Jahre 1845
begann dort die Gründung und Ansiedlung größerer
Industriebetriebe. Beginnend mit dem Jahr 1857 wurde bis
zum Ersten Weltkrieg ein komplett neues Stadtquartier
hinter dem Esslinger Hauptbahnhof entwickelt. Die Gebäudesubstanz
der historischen Fabrikationsgebäude mit ihren Ziegelsteinfassaden
ist bis heute weitestgehend erhalten. Ein einfaches quadratisches
Straßenraster mit drei Hauptstraßen in Ost-West-Richtung
bindet das Gebiet direkt an die Innenstadt an.
Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten
die meisten der alteingesessenen Industriebetriebe den
Standort Esslingen-Weststadt aufgeben oder Konkurs anmelden
mussten, standen viele der Gebäude leer oder waren
untergenutzt. Seit der förmlichen Ausweisung als
Sanierungsgebiet durch den Gemeinderat befindet sich die
Esslinger Weststadt jedoch im Umbruch. Durch Umnutzung
der alten Fabrikgebäude sind Dienstleistungsunternehmen,
Gastronomie und Unterhaltung zu neuen Merkmalen des Stadtquartiers
geworden. Daneben sind ein Technologiezentrum, eine betreute
Seniorenwohnanlage sowie in den ehemaligen Verwaltungsgebäuden
der Industriebetriebe zahlreiche attraktive Wohnungen
entstanden.
Durch einen "Sanierungsvermerk"
im Grundbuch wurde der Verkauf oder Umbau der Gebäude
in der Weststadt genehmigungspflichtig und der Stadt Esslingen
ein Vorkaufsrecht eingeräumt. Gebäude innerhalb
des Sanierungsgebiets und älter als Baujahr 1930
konnten mit bis zu 30% der Umbaukosten bezuschusst werden.
Die Zuschüsse zu den geplanten Maßnahmen werden
über einen Modernisierungsvertrag zwischen Bauherr
und Stadtplanungsamt geregelt, der strikt eingehalten
werden muss. So sind Einzelmaßnahmen wie der Austausch
von Fenstern nicht förderfähig. Gefördert
werden ausschliesslich Maßnahmenbündel mit
Schwerpunkt auf eine deutliche energetische Verbesserung
der Gebäude.
Die Stadt gab im Sanierungsgebiet
Weststadt selbst den Startschuss mit der Neugestaltung
der Straßenräume, um die Initiative privater
Grundstückseigentümer zu wecken. Als erste wurde
die ehemalige Feilen- und Messerfabrik Dick, deren älteste
Fabrikationsgebäude aus dem Jahre 1889 stammen, in
ein Kultur-, Erlebnis- und Einkaufscenter umgewandelt.
Nachdem ein Abriss des Ensembles verhindert werden konnte,
wurde intensiv über eine Umnutzung der historischen
Fabrikgebäude nachgedacht. Heute beherbergt das „Dick“
Kino-Center, Diskothek, Läden, Dienstleistungen,
Fitness-Studios, Gastronomie und die Volkshochschule.
Im ehemaligen „Fähnle-Areal“
entstand ein Zentrum für Biotechnologie, das Standort
für viele junge Unternehmen geworden ist. Der im
Jahre 1900 vom „königlichen Spediteur August
Blocher“ erbaute dreistöckige Pferdestall wurde
zum Haus der Vereine umgenutzt. Ein ehemaliges Gymnasium,
das lange Zeit von der Abrissbirne bedroht war, erhielt
einen gläsernen Anbau und ist nun Sitz des Landesdenkmalamts.
In der Esslinger Weststadt ist durch den Entschluss Sanierung
statt Abriss zu betreiben neues Leben in ein geschichtsträchtiges
Quartier eingekehrt und der Stadt ein Stück Identität
erhalten geblieben.
|